Mir schien, Thomas Bernhard war gut gelaunt

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard
Bild aus dem Nachlass
Nachdem er gestorben war, erinnerte ich mich daran, ihn gekannt zu haben. Vorher war mir das nicht aufgefallen. Es ist nicht, dass ich ihn gut gekannt habe, dass ich gar mit ihm befreundet gewesen wäre. Es ist sogar viel eher möglich, dass er, hätte man ihn nach mir gefragt, sich nicht, oder nur mit allergrößter Mühe, an mich hätte erinnern können.

Unter allen Nachrufen, die ich begierig las, fiel mir der Satz einer Schauspielerin auf, den ich, obwohl spätabends in der Badewanne gelesen, nicht mehr vergessen habe und der mich noch jetzt mit einem eigenartigen Triumphgefühl erfüllt. Sie sagte, sie, die ihm außerhalb der Arbeit nur zweimal in ihrem Leben kurz begegnet sei, hätte gern einmal zusammen mit ihm einen "großen Braunen" getrunken und das sei nun versäumt.

Vielleicht erkennen wir nur an der Begierde anderer, an ihren vergeblichen Wünschen, ihren kleinen Unerfülltheiten, die uns so belanglos erscheinenden Erlebnisse als plötzlich wertvoll, als unersetzbar an, die uns niemals als so wichtig erschienen wären, gäbe es nicht jemanden, dem sie endgültig schmerzlich unerfahrbar wären. Als belanglos war mir der schweigsame Nachmittag allerdings auch bis zu dieser Zeitungsnotiz nicht erschienen. Ich habe für einige Stunden seinem Schweigen zugehört, während der "große Braune" in der Tasse auskühlte.

Wir können nicht die ganze Zeit über geschwiegen haben. Aber wie sehr ich auch versuche, mir die Einzelheiten dieses Nachmittags wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, wie sehr ich ihn eingemeißelt wissen möchte in meine Erinnerung, unverfälscht und unvergänglich – ich erinnere mich nur daran, dass wir da saßen. Es mochten zwei Stunden gewesen sein, vielleicht mehr. Die Stelle würde ich wiederfinden, ich bin sicher, auf Anhieb könnte ich auf den Tisch deuten, die Stühle, vorausgesetzt, das Mobiliar wird immer noch an der gleichen Stelle aufgestellt, wenn der Garten wiedereröffnet wird, alljährlich zu Beginn der warmen Jahreszeit. Alle Tische waren besetzt, einige Kellner trugen Tabletts mit Kaffee und Schokolade oder fuhren Servierwagen mit verschiedenen Sorten von Kuchen und Torten an uns vorbei. Wir saßen am Nadelöhr des Gartens, wo alle Kellner entlang mussten, denn das Café befand sich gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, befindet sich dort noch immer.

Ich hatte meine Jacke nicht ausgezogen, obwohl ich mich daran erinnere, dass es warm war, vielleicht sogar heiß. Wir saßen im Schatten, den die die Äste der Bäume über die Tische warfen  und Sonnenschirme gab es auch. Es ist unwahrscheinlich, dass wir nicht im Schatten gesessen haben, denn wir saßen zu lange dort, um die ganze Zeit in der Sonne zu sitzen. Aber es ist ebenso möglich, dass wir in der Sonne gesessen haben.

Wahrscheinlich haben wir Kaffee getrunken, oder Mineralwasser. In der Zeit, die wir dort sitzend verbrachten, an jenem Tisch mit Blick auf den Alten Markt, haben wir sicher den Kellner mehrmals etwas bringen lassen, wir haben bestimmt nicht vor leeren Tassen oder Gläsern gesessen. Ich weiß nicht mehr, ob wir etwas gegessen haben, glaube aber, wir haben nichts gegessen, oder wir waren zu dem Zeitpunkt, als wir allein am Tisch zurückblieben, bereits mit dem Essen fertig.

Genau genommen kann ich mich an praktisch überhaupt nichts erinnern, was ich sagte oder was er sagte, aber es kann natürlich nicht sein, dass wir die ganze Zeit geschwiegen haben.

Ich erinnere mich daran, dass ich ein bisschen aufgeregt war. Auf keinen Fall wollte ich, dass er sich mit mir langweilte; ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um ihm nicht lästig zu werden, aber ich fand, stumm herumsitzen ging auch nicht. Später, als er schon tot war, habe ich gelesen, dass er in Gesellschaft häufig schweigsam war.

Es kann sein, dass ich eine ganze Weile in meinem Kaffee gerührt habe, um etwas zu tun, sofern ich Kaffee getrunken habe. Aber daran erinnere ich mich, wie gesagt nicht. Das Gedächtnis spielt uns seltsame Streiche. Es lässt uns hilflos, wie Neugeborene. Nichts ist schwieriger, als zu versuchen, bei der Wahrheit zu bleiben und was ist schon wahr, noch dazu in einem Falle, in dem man keinen Zeugen hat, außer der eigenen, unzulänglichen Erinnerung. Aber hätte man ihn jemals danach gefragt, ich bin mir ziemlich sicher, er hätte sich ebenfalls an nichts erinnert, außer an die Tatsache, dass wir da saßen.

Ich habe ihn selten angeschaut. Leider saß ich neben ihm, nicht gegenüber. Ich saß an dem eisernen Geländer, das den Garten vom Platz trennt, er saß am Gang, wo die Kellner vorbeikamen. Ich habe mich öfter mit dem Arm auf das Geländer gestützt, das kühl und unbequem war, wahrscheinlich hatten die Stühle keine Armlehnen. Er hat, glaube ich, in seinem Kaffee gerührt. Ich wagte kaum, ihn anzusehen, denn vermutlich wurde er fast immer angestarrt, wohin er auch kam und er war sicher daran gewöhnt, auch an diesem Nachmittag sahen ihn viele Leute an, man kannte ihn hier natürlich, vielleicht genoss er das, aber ich stellte mir vor, dass es ihm lästig war und dass er sich dabei unbehaglich fühlte. Ich spürte mich deutlich neben ihm sitzen und wagte keine ausladendere Bewegung.

Er sah auf den Platz und beobachtete die Menschen. Da die Stadt, wie immer zu den Festspielen, von Touristen überfüllt war, waren sehr viele Leute unterwegs. Nebenan auf dem Domplatz fand eine Hauptprobe von Jedermann statt, zu der eine Zuschauermenge strömte. Die Schauspieler waren in Autos vom Festspielhaus gekommen und in Kostüm und Maske über den Platz an uns vorbeigefahren. Je kleiner die Rolle, desto billiger wurden die Autos und desto voller besetzt waren sie. Die Hauptdarsteller saßen jeweils allein in einem Auto, nur mit dem Fahrer. Wir fanden es lächerlich, den Teufel in einer Limousine vorbeifahren und den Touristen winken zu sehen. Zuletzt kam die Statisterie im Bus. Aber ich glaube, als wir allein am Tisch zurückblieben, waren alle schon vorbeigekommen. Vom Domplatz hatten wir die Fanfaren gehört und die Hauptprobe hatte begonnen. Meinen Entschluss, die Probe zu besuchen, hatte ich aufgegeben, sehr früh an diesem Nachmittag. Was war eine Hauptprobe von Jedermann gegen die Tatsache, mit ihm im Garten des Cafés Tomaselli zu sitzen und auf den Alten Markt zu sehen.

Wir saßen und schwiegen in einen langen, mir unendlich langsam vergehenden Festspielnachmittag. Eine ältere Dame kam an den Tisch und begrüßte ihn, vielleicht setzte sie sich sogar für einen Moment, ich meine mich aber daran zu erinnern, dass sie stehen blieb, zu ihm heruntergebeugt. Ich weiß nicht mehr, ob sie ihn um ein Autogramm bat. Manchmal grüßten ihn andere Leute von anderen Tischen. Ich überlegte, ob sich die Leute wohl fragten, wer ich sei und zu welchen Ergebnissen sie kamen. Aber es ist möglich, dass ich das erst jetzt überlege, während ich mich daran erinnere.

Mir schien, er war gutgelaunt. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass er lächelte. Nie bisher bin ich einem Menschen wieder begegnet, der so gelassen nichts anderes tat, als zu beobachten. Das Beobachten schien seine Hauptbeschäftigung und ihn ganz in Anspruch zu nehmen und zu amüsieren. Ich versuchte, den Betrieb auf dem Platz mit seinen Augen zu sehen. Es fiel mir schwer, mich darauf zu konzentrieren, weil ich auf ihn konzentriert war. Einmal machte er eine Bemerkung über die Männer, die mit Schubkarren quer über den Platz den Fiakern folgten, von Zeit zu Zeit stehen blieben und die Pferdeäpfel auf ihre Schaufeln kehrten, die sie dann in die Schubkarren leerten. Dann nahmen sie die Karren wieder auf und gingen weiter, die Blicke gesenkt. Sie kamen wieder und wieder vorbei, immer die gleichen Männer hinter den gleichen Pferden, nur die Gesichter und Kleider der Touristen wechselten auf den Fiakern. Es ist fraglich, wohin sie den vielen Kot gefahren haben, in dieser sauberen Stadt. Es musste eine Sammelstelle dafür geben, irgendwo in einem Innenhof oder hinter einer der zahlreichen Kirchen.

Ich wagte nicht, ihn nach dem Schreiben zu fragen. Ich war davon überzeugt, dass er nicht danach gefragt werden wollte und schon gar nicht von mir. Ich glaubte, sicher zu sein, dass er damit in Ruhe gelassen werden wollte.

Ich fragte aber doch. Sei es, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte sagen sollen oder weil es mich wirklich interessierte – ich glaube, es interessierte mich brennend – fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, woran er gerade schreibe, an Prosa oder einem neuen Stück und ich hoffte, mit meiner Frage ein bisschen intelligenter auszusehen als irgendein Laie, aber ich denke nicht, dass es mir gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, ich hätte auch nur die geringste Ahnung, was es mit dem Schreiben auf sich hat.

Er wich mit der Antwort aus, sagte dann, ein Stück, aber er sprach nur kurz davon, zögernd und, wie ich zu bemerken glaubte, nicht gern. Über eine Frau, sagte er und wieder war er amüsiert, denn es war ungewöhnlich, dass er über eine Frau schrieb und ich staunte. Jahre später, als ich das Stück las, stellte sich heraus, dass es natürlich nicht von einer Frau handelte sondern von einem gelähmten Großindustriellen. Das Stück war einzig und allein nach einer Frau benannt, die jedoch nicht auftrat. So konnte ich mir seine Amüsiertheit nach Jahren erklären.

Es wurde kühler und schon dämmrig, da war der Nachmittag auf einmal zu Ende. Die Hauptprobe war vorüber und die Zuschauer strömten vom Domplatz zurück in die Stadt. Er wurde zum Abendessen abgeholt und ich wollte nicht den Eindruck erwecken, mich etwa anzuschließen. So brach ich im gleichen Moment auf. Es gab keinen Grund mehr, am Alten Markt im Garten des Cafés Tomaselli sitzenzubleiben und auf die Männer mit den Schubkarren zu warten. Ich verabschiedete mich schnell, erinnere mich nicht daran, ihm die Hand gegeben zu haben, verschwand über den Marktplatz schnellen Schrittes, ohne mich noch einmal umzusehen.

Im Laufe der folgenden Wochen sah ich ihn noch einige Male beim Essen in einem Café oder im Hotel Bristol, wo er in der Gesellschaft Anekdoten und Geschichten erzählte, oder stumm in der letzten Reihe des Parketts, eine schwarze, stille, hochgewachsene Gestalt, bei deren Eintritt sich die Stimmung auf der Probe rücksichtsvoll aufmerksam und scheu veränderte.

Vorher und nachher, oft während jenes Sommers, habe ich im Garten des Cafés gesessen. Längere Zeit bewahrte ich einen Würfelzucker auf, dessen Einwickelpapier die Aufschrift "Café Tomaselli" trug und den ich heute nicht mehr finden kann, obwohl ich zuweilen immer noch danach suche. Es ist unwahrscheinlich, dass ich den Zucker gerade an jenem Nachmittag mitnahm, an dem sich nach und nach alle verabschiedet hatten und er mit mir zuletzt allein an diesem Tisch zurückgeblieben war. Der Zucker würde beweisen, dass ich Kaffee getrunken habe. Aber was wäre damit schon bewiesen. Nichts.

Naturgemäß, würde er sagen.

Alle Rechte am Text bei der Autorin


Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung
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