Das Verschwinden der “Nestbeschmutzer” – Uwe Friesels Essays

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Dass GünteUwe Friesel Zwischen allen Stuehlenr Grass zu Jahresbeginn, kurz vor seinem Tod, die jüngere Autorengeneration aufrief, endlich wieder mehr Zivilcourage zu zeigen und sich in die öffentlichen Diskussionen einzumischen, war wohl so notwendig wie sinnlos.

Die Rolle des streitbaren Intellektuellen ist lange schon unbesetzt, ja, der Intellektuelle selbst vegetiert nur noch als pejorative Zuschreibung dahin; wer möchte sich da outen und rufen »Ich bin ein Intellektueller mit einer kritische Meinung! Und das ist auch gut so!« Eine Gesellschaft, die eben diese Meinung durch den besinnungslosen Like-Reflex in den sozialen Medien ersetzt hat, würde darüber bestenfalls müde lächeln. Grass’ Aufruf weckte deshalb in mir einen doppelten Verdacht.

Zwar wusste ich aus eigener Erfahrung, dass das mal ganz anders gewesen ist, in welchem Ausmaß jedoch, das machte mir dieser Tage erst die Lektüre des Essaybandes »Zwischen allen Stühlen – oder Soll man in Krähwinkel stets das Maul halten?« von Uwe Friesel wieder bewusst.

Friesel, ausgewiesener Autor von Romanen, Erzählungen und Hörspielen, sprachmächtiger Übersetzer von Vladimir Nabokov, John Updike und Ben Jonson, sowie, nicht zuletzt, erster gesamtdeutscher Vorsitzender des Schriftstellerverbandes VS nach der Wende, hat in seinem geradezu lustvoll zu lesenden Essayband Einsprüche und Gegenreden aus mehr als vier Jahrzehnten Deutschland versammelt. Er verführt den Leser damit zu einer aufklärerischen Reise durch deutsche Geschichte und ihre dunklen Verwerfungen, bei der man – der Bezug auf Heinrich Heines »Krähwinkel« Gedicht im Titel signalisiert es schon – den satirischen Geist des Autors in Aktion erleben kann. Politische Zustände in Deutschland sind ja bei aller Unerträglichkeit meist auch erschreckend komisch, und der Spott trifft die Krähwinkler in der Regel genauer und härter, als die berechtigte Klage allein.

Ob Uwe Friesel zu Beginn der 70er nachdrücklich gegen das Berufsverbot für Kommunisten polemisiert und zugleich darauf hinweist, dass ein ehemaliger Nazi-Germanist wie Benno von Wiese ausgerechnet zum Heine-Herausgeber aufsteigt, wenn er  zur »Sprachreform« der Neuen Deutschen Rechtschreibung Stellung bezieht, die er für einen eindeutigen Rückschritt hält, oder wenn er dem Medienkonzern Bertelsmann die Leviten liest, nachdem dieser die AutorenEdition, deren Begründer und Mitherausgeber Friesel war, den Garaus gemacht hatte, Freunde macht man sich, legt man den Finger in dieser Weise nachdrücklich in die Wunde, sicher nicht.

Der Mauerfall? Friesel hat dazu Stellung bezogen, kaum 20 Tage danach. Wer äußert sich heute dazu, dass wir massenhaft ausgespäht werden? Friesel hat uns bereits 1983 vor Augen gehalten, was allein unser besinnungsloses Kaufverhalten in dieser Hinsicht bewirkt.  Er hat zu Krieg und Frieden geschrieben und gesprochen, der Bücherverbrennung der Nazis gedacht, ohne dabei zu vergessen, das es auch nach dem 1000-jährigen Reich Literaturvernichtung gab und gibt, dass Denkverbote immer noch die Meinungs- und Publikationsfreiheit behindern.

Friesel hat sich immer ausgesetzt, ungeschützt, einzig auf die Kraft seines Wortes vertrauend, auf seine historische Sachkenntnis und literarische Bildung. Wissend, dass der Platz des freien Autors zwischen allen Stühlen ist, wie er es in einer Rede formulierte, mit der er 1991 auf die millionenfache Vernichtung von DDR-Büchern auf Müllkippen rings um Leipzig reagierte.

Und hier erwachte wieder mein erster Verdacht, den Günter Grass zu Jahresbeginn bereits geweckt hatte. Er kam mir als die schlichte Frage in den Sinn: »Wem deiner Kollegen würdest du denn solch einen Mut zutrauen?« Wer würde sich heute in einer Weise aussetzen, wie es für die Intellektuellen des vergangenen  Jahrhunderts noch an der Tagesordnung war? Als viel zu spät nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust das kollektive Schweigen endlich durchbrochen wurde, da mussten sich Literaten als »Nestbeschmutzer« denunzieren lassen, obwohl sie natürlich nur auf den Schmutz aufmerksam gemacht hatten. Wo sind diese »Nestbeschmutzer« heute? Sie fehlen allerorten! Obwohl das Nest durchaus nicht sauberer geworden ist.

Und mein zweiter Verdacht? Nun, er beinhaltet wohl eine Unterstellung. Ich glaube nämlich, dass Grass auch deshalb in die Leere hinein gerufen hat, weil bei den Adressaten ganz einfach die Kompetenz fehlt, das Wissen, die Bildung, die es nun mal braucht, um sich zu gesellschaftlichen Gegenwartsproblemen zu äußern. Außer Julie Zeh wüsste ich gegenwärtig niemanden, der sich mit ausreichendem Sachverstand in dieser Weise politisch engagieren könnte.

Aber wie gesagt, das ist vielleicht eine Unterstellung, und ich wäre höchst erfreut, wenn nun die Kollegen aus den Ecken springen würden, um mir zu beweisen, wie falsch ich damit liege. In den Essays von Uwe Friesel könnten und sollten sie freilich vorher nachlesen, was das bedeutet.

Peter H. Gogolin

Uwe Friesel: Zwischen allen Stühlen, 320 S., JMB-Verlag, Hannover, ISBN 9783944342757, 16,95 Euro

 


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