Bericht aus dem Irgendwo

1376_L“Wasserstand und Tauchtiefe“ heißt der Roman Karsten Krampitz‘, der dieser Tage im verdienstvollen Verbrecher Verlag erschienen ist. Wie immer, so bin ich halt, werde ich Ihnen den Inhalt weitgehend verheimlichen, allerdings weniger als sonst, weil ich in diesem Falle über Sprache und Komposition nicht schreiben kann, ohne nicht auch über den Inhalt zu schreiben – zumindest in Andeutungen.
Der Roman ist ein monologisches Zwiegespräch. Da liegt im Irgendwo der ehemaligen DDR der Bürgermeister eines Ortes, welcher kein Dorf sein will und keine Stadt ist, namens Schehrsdorf im Wachkoma. Er liegt – fähig vielleicht noch dem Lamentieren seines Sohnes zuzuhören, fähig vielleicht auch, bei den Auschiebungen im Rollstuhl Ortschaft und Menschen zu erkennen – als Unterpfand für ein einigermaßen gesetztes finanzielles Auskommen seines Sohnes und der polnischen Krankenschwester als Folie herum. Unfähig zur Antwort, unfähig zur einer Interaktion auf realer Ebener, interagiert er als Retrospektive. Er ist der Hineinsprechkörper seines Sohnes.
Geht es also um einen Sohn-Vater-Konflikt? Keineswegs. Man darf vom klugen Karsten Krampitz, über den ich mich so oft ordentlich und vernünftig habe ärgern können, keine flache Geschichte aus dem Regal der losgelösten postmodernen Innenwelten erwarten. Es geht um Fleisch und Knochen und nicht um Instantbrühe. Also kein Sohn-Vater-Konflikt? Auch falsch. Aber eben keiner, der sich darauf verengt. Es handelt sich um ein politisches Buch, um ein, vielleicht wird diese Zuschreibung den Krampitz ärgern, dialektisches Buch. Eines, in dem deutlich wird, dass persönliche Umstände und politische Verhältnisse verwoben sind, dass Handeln außerhalb des Privaten Handeln im Privaten manifestiert und vice-versa, dass man immer nur eine Person ist und nicht mehrere.
Der Vater, dieser Ortsbürgermeister, der die DDR mitgemauert hat, der Eigennutz, Denunziation und Drangsalierung als notwendiges Übel im Klassenkampf tat und abtat, der offenbar jene joviale Boshaftigkeit aufwies, die so tut, als wäre sie Charakter: dieser Vater hat eben nicht nur als Politiker gewirkt. Nein, seine Wirklichkeit erstreckte sich auch auf den Sohn, auf die persönlichen Verhältnisse, die also politische werden, wie die politischen persönliche sind. Und dieser Sohn, vielfach gescheitert, die Not der eigenen Existenz hat er dutzendweis‘ erfahren, disputiert mit dem schweigenden Vater, brüllt das ganze Buch hindurch den Schlamassel seines Lebens hinaus. Er spricht mit jenem verzweifelten, nach Erlösung, nein, Loslösung, schreienden Zynismus, der vielen jener eigen ist, die man gedrückt und zerdrückt hat, die man eingepunzt hat, dass sie sich gar nicht rühren können. Dieser Mark Labitzke, der Sohn der DDR und seines Vaters, und der Bürgermeister a.D., dieser aufs Krankenlager geschüttete Körper, Vater der DDR neben vielen anderen Vätern, und Vater seines Sohnes, bieten Krampitz eine Möglichkeit die DDR, ihre Kleinheit, ihre Enge, ihr Grau nachzuzeichnen.
Ein Roman über Einsamkeit ist es. Über jene Art von Einsamkeit, die einem injiziert wurde, die aus dem Leben ins Leben kommt und gegen die es keine Gegenwehr gibt. Da geht der Mark Labitzke in den Puff, weil er will, dass ihm endlich mal jemand nahe kommt. Von dieser Art Einsamkeit ist er umgeben. Der ungewollten, der zwangsweisen, der Einsamkeit als Lebensunfall.
Andere wären an dieser Aufgabe gescheitert, manche sicher auch grandios. Karsten Krampitz scheitert nicht. Denn er kann schreiben. Er wählt sicher die Sprachebene, er wählt sicher die Wörter. Da ist nicht wehleidig, was wehleidig nicht sein soll. Nicht laut, was laut nicht sein soll. Und nichts bleibt leis‘, nichts wird zurückgehalten. Und obwohl dieses Buch ein Lamento ist, und der monologisierende Protagonist über sich selbst lamentiert, verliert es nicht den Spannungsbogen. Es macht voyeuristisch, denn wir lesen ja den monologisierenden Dialog zwischen Sohn und Vater, der uns eigentlich nichts angeht. Aber aufhören zu lesen – nein, das geht nicht. Das liegt an der Sprache, das liegt an den Wendungen (und ich meine damit sowohl den Verlauf als auch die Art der Schilderung).
Karsten Krampitz hat einen kurzen (das Buch hat nur knapp 200 Seiten) großen DDR-Roman geschrieben. Er wird viele ärgern. Er kann nicht zur Legitimierung  der vielen Fehler (und Verbrechen) genutzt werden, die in der DDR und für sie begangen wurden, aber zur Delegitimierung eignet er sich auch nicht. Der da spricht, der Sohn der Republik, kommt dem Leser nahe und was er spricht, geht dem Leser nahe. Das ist, fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik, Trümmerliteratur. Und das ist nicht als Abwertung gemeint, nein, ganz im Gegenteil, ich meine es als Lob.
Ein großes Buch, geschrieben in einer wunderbaren Sprache. Unbedingt lesen!

Karsten Krampitz: Wasserstand und Tauchtiefe, Roman, Verbrecher Verlag
ISBN 978-3-95732-013-1 , Gebunden, 19 €

Karsten Krampitz wurde 1969 in der DDR geboren. Er gilt, mit anderen, als Erfinder der Trinkerklappe. Bitte beachten Sie den Wikipediaartikel über ihn.


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